Hellersdorf: Zwischen sattem Grün und Plattenbau

March 21, 2014 - Bester Döner

Hellersdorf, Berlin-Ost. Siedlung in DDR-Architekturschick. Zwei Drittel der knapp 77.000 Menschen wohnen im Plattenbau. Das andere Drittel lebt in Einfamilienhäusern. Hellersdorf. Ort der Klischees, Ort der Widersprüche. Ort meiner Kindheit. Hellersdorf ist extrem und normal zugleich. Normal sollen seine Bewohner sein. Hellersdorf ist der normalste Berliner Bezirk[1]. Durchschnittlich gesund. Durchschnittlich gebildet. Durchschnittlich arm. Durchschnittsmenschen.

Steigt man am Alexanderplatz in die U5 nach Hellersdorf sieht man den Durchschnittsmenschen: Hipster und Zugezogene, Studenten und Start-up-Unternehmer, gut gebildete Mittelschichtler, blondierte Mitvierziger mit grell-designten Nägeln, junge Mütter mit blond-schwarzen Haaren. Väter mit Kindern, Feierabendbiertrinker, Schulkinder auf dem Weg nach Hause, Alte und Junge, Arme und Reiche, Gesunde und Kranke. Wenn sich nach Friedrichshain die U-Bahn leert, Start-up-Unternehmer und Kreative in ihre sanierten Altbauten entschwinden, wenn auch Lichtenberg hinter einem liegt, dann kommt Marzahn-Hellersdorf. Erst Biesdorf-Süd, dann Elsterwerdaer Platz: Durchschnittsmenschen eilen in ihre Häuser oder Eigentumswohnungen, gießen das Ziergewächs im kleinen Garten. Kaulsdorf-Nord: Menschen, die in ihre Mietwohnungen eilen. Hinter der Station Hellersdorf, der hellen Mitte des Bezirks, ist die Bahn fast leer.

Auf dem Platz vor der Alice-Salomon-Hochschule sitzen ein paar Hellersdorfer in Jeansjacke und Jogginghosen. Seitlich an den Hosenbeinen glänzen die Druckknöpfe in der Frühlingssonne. Kinder springen rum. Die Männer trinken Bier. Im Sommer läuft der Springbrunnen und die Kinder spielen in den aufspritzenden Wasserfontänen. Junge Studenten stehen vor der Hochschule rauchen, quatschen, lachen. Reden über Seminare, Referate, Klausuren. Bei einem Spaziergang zur Hellersdorfer Promenade soll mir der Hellersdorfer Durchschnittsmenschen begegnen. Es begegnet mir keine Menschenseele. Auch auf der Promenade ist es ruhig. Früher gab es hier viele Geschäfte: Boutiquen, Bäcker, Bars und Restaurants, Friseure. Geblieben ist ein Dönerstand. Die Kaufhalle steht leer. Seit Ende 1990. Schlecker hat kurz vor der bundesweiten Insolvenz zu gemacht. Jetzt stehen die Gebäude da, als käme morgen ein Investor. Vor der Kaufhalle wächst das Gras in dicken Büscheln. Auf den Bänken und um die Bänke stehen Jugendliche. Sie lachen, reden laut, lachen. Tätowierte Mädchen, auffälliges Nageldesign. Alle trinken Bier. Kinder spielen auf dem zerfallenen Spielplatz nebenan. Die Rollen ihrer Inlineskates klappern und rauschen über den hellen Rub Tan Belag. Vor der Eisdiele, die den Zerfall überlebt hat, sitzen zwei Frauen, solariumbraun, rauchen. Sie reden verschwörerisch. Frauen unter sich.

Weiter hinter dem neuen Asylbewerberheim, auf dessen Hof einige Kinder Ball spielen, beginnt die Einfamilienhaussiedlung. Grün ist es. Der Wind rauscht in den hohen Platanen, die Amsel zwitschert. Zugvögel krächzen auf ihrem Weg zurück in den Norden. Nur vereinzelt kann man die Platten durch die Gärten der Einfamilienhäuser sehen. Ein Mann mit zwei Hunden kommt mir entgegen.

Am Cicilienplatz in Kaulsdorf-Nord ist Markttag. Inder verkaufen Blusen, Stoffhosen, Unterwäsche. Eine Vietnamesin steht vor ihrem Blumenstand und lächelt in die Abendsonne. Ein Fleischer verstaut seine Ware in weißen Plastikkisten. Es ist Zeit nach Hause zu fahren.

 

[1] Zum Sozialstrukturatlas des Landes Berlins geht es hier.

Fotogalerie Hellersdorf
Fotogalerie Denkmallandschaft Alt-Hellersdorf

 

 

 

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