Neulich vor den Toren einer Stadt

Jeden morgen steht er um 5 Uhr auf. Viel besitzt er nicht. Er setzt Wasser auf den kleinen Gaskocher. Zum Frühstück gibt es Tee. Danach fährt er auf seinem Motorrad über die Dörfer, um Müll einzusammeln. Den verkauft er an Recyclinghöfe. Es bringt nur wenig Geld, rund 40-50 Yuan, selten mehr als 80 Yuan am Tag. Manchmal findet er auch Edelstahl. Zum Überleben reicht es gerade. Die Zeiten sind härter geworden. Müll gibt es mehr denn je. Die gesammelten Rohstoffe sind aber längst nicht mehr so viel wert wie vor einigen Jahren. Es ist ein mühsamer Job. Die verächtlichen Blicke der anderen aber treffen ihn schon lange nicht mehr. Auch seine Frau hatte sich ein besseres Leben für sich und ihren Sohn erhofft. Liebe war es nicht, als sie sich kennen lernten. Aber sie war über 30 und unverheiratet. Eine Frau in dem Alter hat es nicht leicht, einen Mann zu finden. Als sein Sohn zur Welt kam, war das ein glücklicher Moment, auch weil er sich so sehr einen Jungen gewünscht hatte. Sein Sohn ging auf die Schule für Kinder von Wanderarbeitern. Eine richtige Schulbildung stand dem Sohn nur in der Heimat seiner Eltern zu. Das gleiche galt für die Gesundheitsversicherung. Auch deshalb unterdrückt er heute die Schmerzen, die er seit einigen Jahren aufgrund der schweren Arbeit hat. Ebenso wie die schlechter werdenden Augen. Weitsichtig ist er. Deshalb schneidet er sich in letzter Zeit häufiger im Müll, wenn er auf der Suche nach verwertbaren Schätzen ist. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben. Nur einmal waren sie beim Arzt, doch der konnte nicht mehr helfe. Geld für Medikamente besaßen sie keines.

Er dachte daran, wie er damals in die Stadt kam vor über 40 Jahren. Zusammen mit anderen chinesischen Jugendlichen ging er auf die Straße. Er hatte geglaubt, dass sein Leben anders verlaufen würde. Neues wollten sie aufbauen und Altes zurücklassen. Bei einer Straßenschlacht und einem Schlag auf den Kopf verlor er einen Großteil seines Gehörs. Er war nicht besonders gut in der Schule. Zurück in seine Heimat wollte er dennoch nicht. So verdingte er sich zunächst als Tagelöhner. Zum Bau wollte er. Mit seinem Hörschaden allerdings stellte ihn nur selten jemand ein. Schließlich fing er an, Müll für die Recyclingunternehmen zu sammeln. Doch in der Großstadt gab es bereits viele Müllsammler. Mülltonnen wurden hart umkämpft. So trieb es ihn vor die Tore der Stadt. Er dachte daran, was er hätte anders machen können.

Heute hatte er Glück. Es ist früher Nachmittag und er ist bereits auf dem Weg mit der zweiten Ladung Müll. Bereits am morgen hatte er eine Ladung Plastikflaschen verkaufen können. Heute würde er früher nach Hause können. Er würde sich an seinen Kohleofen setzen und heißen Tee trinken. Er würde sich ein Fußbad machen und seine müden Knochen ausruhen.

Von weit her hört er das Quietschen von Reifen …

Hupen …

… und dann nichts mehr.

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