Mit dem Zug ein kleines Stück durch China

18 September 2013. Das chinesische Mondfest steht bevor und in China haben 1,3 Milliarden Menschen Ferien. Ich entschließe mich, es den Chinesen gleichzutun und reise. Mein Ziel wird Xi´An sein. Hauptstadt in der Qing Dynastie und berühmt wegen der Terrakotta Armee. 14 Stunden werde ich bis zu meinem Zielort brauchen.

13:45 Uhr

Mit Rucksack bepackt erreiche ich den Westbahnhof von Beijing. Von 1,3 Milliarden Chinesen tummeln sich 3 Millionen auf dem Bahnhofsvorplatz. Nach diversen Kontrollen und Scans erreiche ich die Bahnhofshalle. Es herrscht dichtes Gedränge. Die Chinesen stürmen die Läden. Sie kaufen? 5-Minuten-Terrinen! Instantnudelsuppen. Zum Aufbrühen.

Im Wartebereich stehen Menschenmassen. Neugierige Chinesen beäugen mich und machen Fotos. Irgendwann beginnt die Masse, sich in Bewegung zu setzen. Ich bewege mich mit. Hindurch durch Kontrollen, Schalter, Kartenscanner, Treppen hinauf, Treppen hinunter, hin zum Gleis. Wagen 17, Bett 9, ganz oben. 50 Betten reihen sich nebeneinander und übereinander. Ich setze mich auf einen Klappsitz am Fenster.

14:33 Uhr

Der Zug setzt sich in Bewegung.

14:40 Uhr

Sechs Männer machen es sich auf den unteren zwei Betten bequem. Einer reicht eine metallene Dose herum. Alle entnehmen eine schwarze torfähnliche Masse, geben es in mit heißem Wasser gefüllte Behältnisse. Tee.

14:45 Uhr

Eine kurze heftige Debatte entsteht. Abruptes Schweigen. Einer holt Karten. Jeder holt 40 Yuan. Während des Spiels herrscht Stille. Ich schaue mir drei Spielrunden an. Die Regeln verstehe ich nicht, aber ich weiß, wer gewonnen hat. Am Ende schimpfen fünf und einer strahlt.

15:00 Uhr

Neugierige Chinesen nähern sich uns.

15:15 Uhr

Der erste Chinese spricht mich an. Er ist neugierig: Woher kommst Du? Wie alt bist? Wo lebst Du? Was machst Du? Warum bist Du in China? Hast Du einen chinesischen Freund?

15:20 Uhr

Der halbe Wagon sitzt und steht bei uns. Einige stellen Fragen, viele machen Fotos.

15:30 Uhr

Eine junge Chinesin nähert sich. Sie will Englisch üben. Sie spricht mich an. Schnell merke ich, dass sie an meinem Mitreisenden Deutschen interessiert ist.

15:45 Uhr

Ich frage schüchtern den Mann mit der Teedose, ob ich seinen Tee probieren darf. Er gibt ihn mir freudestrahlend. Er muss lange ziehen, bis er Geschmack entfaltet. Er schmeckt nach Erde.

16:00 Uhr

Ein anderer Chinese will mir auch etwas von sich geben. Er schenkt mir zwei Nashi-Birnen.

16:15 Uhr

Ein dritter Chinese kommt. Er schenkt mir vier kleine Würste gefüllt mit Mais.

16:30 Uhr

Ich bekomme noch mehr Tee von einem anderen Chinesen geschenkt. Sein Tee ist der Beste aus China, sagt er.

17:00 Uhr

Mein deutscher Mitreisender ist neidisch auf meine Chinesischkenntnisse, holt mein chinesisches Lehrbuch raus und fängt zu lesen und auf Zeitungsrändern zu schreiben an. Ich übe weiter.

18:00 Uhr

Der Chinese, der beim Kartenspiel gewonnen hat, macht sich mit seinem Gewinn auf zum Speisewagen. Alle übrigen Chinesen holen ihre am Bahnhof gekauften 5-Minuten-Terrinen heraus. Heißes Wasser wird in allen Zügen kostenlos zur Verfügung gestellt.

18:15 Uhr

Der gesamte Wagon ist erfüllt vom Geruch der Instantsuppen. Von überall ist Geschlürfe, Gezutsche, Geschmatze zu hören. Ich hole mein mitgebrachtes Essen heraus und schmatze mit den Chinesen im Akkord. Wir freuen uns.

19:00 Uhr

Die Chinesen spielen wieder Karten. Der Chinese, der am häufigsten verliert, schwitzt stark und spielt inzwischen Oberkörper frei. Währenddessen werde ich weiter ausgefragt: Wie ist Deutschland? Wie sind die Deutschen so? Wie eng sind die Beziehungen zu China? Gefällt dir China? Wie ist das chinesische Essen? Hast Du einen chinesischen Freund?

20:00 Uhr

Mir werden Fotos gezeigt. Ehefrauen, Kinder, Großeltern, Eltern. Was machen Deine Eltern? Hast Du Geschwister? Mir wird die chinesische Familienpolitik erklärt. Hast Du einen chinesischen Freund?

21:00 Uhr

Was magst Du? Wo in China warst Du schon? Was studierst Du? Hast Du einen chinesischen Freund? Im Ganzen waren es wahrscheinlich nicht mehr als 30 Fragen. Meine Antworten aber brauchen Zeit.

21:30 Uhr

Die Stewardess kommt und macht uns darauf aufmerksam, dass um 22 Uhr das Licht ausgeschaltet wird. Schnell tauscht die junge Chinesin noch mit meinem deutschen Mitreisenden die Handynummer aus.

22:00 Uhr

Das Licht geht aus. Es ist stockdunkel. Ich suche meinen Weg zum dritten und obersten Bett. Mindestens 3 von sechs Chinesen schnarchen, einer schmatzt. Die Bahn ruckelt. Ich fühle mich nicht allein.

3:30 Uhr

Das Licht geht an. Ich werde nur langsam wach. Halb vier ist nicht meine Zeit. Die Chinesen springen aus ihren Betten, stürmen zu den Bädern, füllen ihre Teebecher und sitzen zu sechst auf den unteren Betten. Diesmal schweigen sie.

4:30 Uhr

Wie fahren in den Bahnhof von Xi´An ein.

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2 Gedanken zu “Mit dem Zug ein kleines Stück durch China

  1. Dein Kommentar über die Zugfahrt stimmt mich neugierig auf China, ich freue mich auf Janaur. Dein Schreibstil macht neugierig auf jeden weiteren Satz. Mama

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